Im Auftrag des Ordens bin ich nach Eidfjord, Norwegen, gereist. Laut deren Vermutungen konnte man in der Hardangervidda die Planetenkonjunktion am einfachsten beobachten. Leider war ich das einzige Mitglied des Ordens, das der Hardangervidda am nächsten war. Ich betone an dieser Stelle leider, weil die Stadt Eidfjord der Pest zum Opfer fiel.
Mein Leiden hört nicht auf
Wie man mir erzählte, grassierte die Pest seit einem Jahr in Eidfjord. Nicht nur Eidfjord war davon betroffen, sondern das ganze Land. In Norwegen wütete der Schwarze Tod noch mal schlimmer als im restlichen Europa. Die Götter mögen mir beistehen.
Da wünschte ich mir lieber wieder, auf der Kogge der Hanse zu sein. Die Überfahrt von Kingston upon Hull war anstrengend und zermürbend gewesen. Der Wind war eisig. Das Wasser der Nordsee war noch eisiger. Es stach wie Dutzende kleiner Messer auf der Haut. Der Wellengang war fürchterlich. Die Stürme sind eine wahre Mutprobe der Götter. Mehrere Male wären wir beinahe auf der See verstorben.
Aber als noch schwieriger stellte sich der Aufstieg zur Hardangervidda heraus. Der Weg war ein dünner, kaum befestigter Trampelpfad. Bereits zu meiner Abreise am 28. September 1350 hatte der Winter in den Bergen Norwegens eingesetzt. Mit dem Aufstieg setzte ich mein Leben aufs Spiel – erneut.
Die Hardangervidda
Aber meine Reise und mein Aufstieg in die Hardangervidda hatten sich gelohnt. Als ich endlich ankam, wurde ich mit dem schönsten Ausblick begrüßt, den ich jemals gesehen hatte. Eine malerische weite Ebene, die von frisch gefallenem Schnee in ein Wunderland verwandelt wurde. Unberührt, als wäre ich der erste Mensch, der die Ebene betrat. Leider war ich nicht wegen der Aussicht hier hochgestiegen. Auch wenn sie mich zu einigen Geschichten inspiriert hatte. Es war bereits der 11. Oktober. In zwei Tagen musste ich am Ufer des Jakobsbuvatnet sein, um die Planetenkonjunktion zu beobachten.
Das Konvergenzereignis
Dies ist eine Warnung an alle, die dies lesen können. Mögen die Götter uns beistehen. Die Planetenkonjunktion ist weitaus mehr als die exakte Reihe der Planeten in einer Linie. Sie ist weitaus gefährlicher. Die Planetenkonjunktion öffnet das Tor zur Hölle. Und aus diesem Tor strömten Monster in unsere Welt.
Vögel, die beim Fliegen zu brennen scheinen. Fliegende Eidechsen, die so riesig waren wie Burgen. Sie verdeckten den Himmel. Tiere, die ich noch in keinem Fundus in den Bibliotheken von Britania gesehen hatte. Die Götter mögen uns beistehen. Die Konvergenz hat unser Leben für immer verändert. Denn die Frage ist nicht, wie das möglich war, sondern, wie viele Tore zur Hölle sich auf der Welt geöffnet haben. Die Hardangervidda alleine ist ein zu zufälliger Ort.
Der Schwarze Tod, der die Welt so lange in seinem Griff hatte, war nur der Auftakt. Die wahre Hölle beginnt jetzt, und es bedarf viel weiserer Männer als ich, damit die Menschheit diese Gefahr überlebt.
John Chaucer, Eidfjord, 20. Oktober 1350
Anmerkung:
Damit die Warnung der Märchen und Legenden nicht in Vergessenheit gerät, haben wir diese neu interpretiert und viel düsterer geschrieben. Dennoch bleibt die Warnung erhalten. Wir sahen uns zu diesem Schritt gezwungen, weil viele unserer Mitmenschen durch die intellektuelle Aufklärung fahrlässiger wurden. Immer mehr Menschen glauben die alten Legenden und Märchen nicht mehr, nur weil sie Angst haben, als ungebildet zu wirken. Einzig die Literatur scheint in einem gewissen Rahmen unsere Mitmenschen in ihrer Vernunft zu leiten. Wer weiß, wie lange unsere Maßnahme funktioniert, bevor man diese wiederholen muss. Die Märchen und Legenden dürfen niemals in Vergessenheit geraten.
Jacob und Wilhelm Grimm, Kassel, 14. Februar 1812